Kunst, die Stellung bezieht

Welche Aufgabe hat die Kunst in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts? Ist es erlaubt, erwünscht und gefordert, dass die aktuelle Kunst Stellung bezieht zu den Problemen des heutigen Lebens, sie kommentiert, karikiert und aufmerksam macht? Oder soll sie sich im Elfenbeinturm – unbeeindruckt von und unbeteiligt an den Krisen der Gesellschaft – als ‘l’art pour l’art’ verkriechen?

Kunst, die Stellung bezieht

Kunst, die Stellung bezieht

Die 1990er Jahre waren die Hoch- Zeit der Conceptual Art. Damals bezogen die Künstler – auf eine pessimistische Art – Stellung. Marius Babias, Direktor der Neuen Berliner Kunstvereins, beschreibt in einem Interview in Band 212, 109ff. des Kunstforums:

“Künstler und Künstlerinnen, die sich auf Positionen der historischen Conceptual Art beziehen, agieren seit den 1990er- Jahren im geschichtspessimistischen Bewusstsein, dass Kunst das Ausdrucksmedium der gesellschaftlichen Dauerkrise ist. Parallel zur Krise des Kunstmarkts Ende der 1980er- Jahre wurden viele künstlerische Interventionsmodelle von den Institutionen absorbiert und in eine Dienstleistungsideologie eingebaut. Um ihre Legitimation besorgt und darauf bedacht, das institutionelle Elend zu verlängern, stürzten sich viele Museen, Kunsthallen und Kunstvereine auf die Projektkunst. ‘Kritische Kunst’ wurde regelrecht beauftragt. Das Soziale wurde in einen ästhetischen Stoff verwandelt.
Kaum hatte sich dann Mitte der 1990er- Jahre der Kunstmarkt erholt, wurde die Projektkunst wieder abgestoßen, um massenhaft Malerei aufzunehmen. Die Museen drohen seit Beginn der 2000er- Jahre zu Müllhalden von Malerei und Fotografie zu werden, wie schon in den 19080er- Jahren.”

Wie sieht Babias die Aufgabe der Kunst aktuell?

“Der ‘Kritischen Kunst’ kommt in den nächsten Jahren die Aufgabe zu, die Komplizenschaft des Kunstmarktes mit der Globalisierung zu kritisieren sowie die zeitgeistigen Derivate wie Malerei, Fotografie und Videokunst aus der neoliberalen Umklammerung zu befreien. Denn zu nichts anderem werden Kunst und Kultur in der Globalisierung angehalten, als immer buntere Lesarten einer Weltkunst ohne Grenzen bereit zu halten.
Kunst schwebt in der permanenten Gefahr, eine Legitimitätslieferantin und ein Propagandaorgan der apostrophierten Weltkunst im Zeitalter der Globalisierung zu sein, weil sie das ‘Andere’ und das ‘Fremde’ geradezu zum Coming- Out animiert, um es in einer globalisierten kulturellen Ökonomie als Ware konsumierbar zu machen.”

Konkret schlägt er vor:
“Der Annäherungsprozess von Projektkultur und politischem Widerstand generiert tendenziell drei Handlungsformate, die sich gegenseitig durchdingen und verstärken können:

  1. Aktivismus als Kunstform
  2. Kooperationen zwischen Künstlern und Aktivisten
  3. Kunst als aktivistische Manifestation”

Unter dem Titel Systemrelevante Kunst haben sich vier Künstler aus dem deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen. Sie wollen mit den Mitteln ihrer Kunst Stellung beziehen zu den Problemen der heutigen Gesellschaft – von der Bankenkrise und ihren Folgen für den Erdball bis hin zur individuellen Gewalt von Menschen gegen Menschen.

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